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Bauchgefühl: Was dein Körper vor dir weiss

Autorenbild: Salome Harte
Salome Harte
26. Aug.
7 Min. Lesezeit

Ich schreibe diesen Artikel kurz nachdem ich einmal mehr realisiert habe, was für eine Weisheit und Kraft unser Körper hat. Gerade bin ich in Ecuador und habe ein weiteres Yoga Teacher Training abgeschlossen. Der Plan wäre eigentlich gewesen, nach dem Training nach Ägypten zu meiner besten Freundin zu reisen. 


Am Morgen meines Abflugs nach Ägypten wurde mir um vier Uhr nachts übel. Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall, das ganze Programm. Das Taxi wäre um sieben gekommen. Ich bin nicht eingestiegen.


Essensvergiftung, dachte ich. Kann passieren. Auch wenn ich in fünf Monaten Ecuador nie etwas hatte. Auch wenn alle anderen am selben Tisch am nächsten Tag kerngesund waren. Auch wenn die Pizza, die ich geteilt hatte, bei der anderen Person nichts auslöste.


Am Nachmittag ging es mir wieder gut. Also machte ich mich am nächsten Tag daran, den Flug neu zu buchen. Umbuchen ging nicht, ich hatte wie immer den günstigsten Tarif gewählt. Von Ecuador nach Ägypten ist keine einfache Strecke, aber ich fand eine Route. Wenige Stunden später kam die Mail der Agentur: Die Preise seien so stark gestiegen, dass sie die Buchung nicht halten könne. Storniert.


Ayyy. Es schien, als wolle Ecuador mich noch ein bisschen dabehalten. Das Apartment in Ägypten war längst gebucht, meine beste Freundin informiert, und ich freute mich riesig auf sie. Also suchte ich weiter und buchte ein drittes Mal.


Und dann sass ich, ziemlich genau eine Woche später, am Tag dieses dritten Abflugs, in einem Abschlussmeeting. Es begann von vorn. Dieselben Bauchschmerzen. Dieselbe Übelkeit, die hochkroch. Dasselbe Wissen, dass ich in einer halben Stunde auf der Toilette sein würde.


Ob es zweimal das Essen war, weiss ich bis heute nicht. Ich kann es nicht beweisen und will es auch nicht. Interessant ist etwas anderes: was ich beim zweiten Mal mit diesem Signal gemacht habe.



DIE WISSENSCHAFT

Was im Bauch passiert, wenn du ein merkwürdiges Gefühl hast


In der Wand deines Verdauungstrakts liegt ein eigenes Nervensystem. Schätzungen reichen von hundert bis sechshundert Millionen Nervenzellen, verteilt über die gesamte Strecke von der Speiseröhre bis zum Darmausgang. Fachlich heisst es enterisches Nervensystem. Es steuert die Verdauung weitgehend selbstständig, auch ohne Befehle von oben.


«Zweites Gehirn» ist die gängige Metapher dafür. Sie ist hilfreich und irreführend zugleich: Dieses Netzwerk denkt nicht, es hat keine Gedanken und keine Absichten. Aber es nimmt wahr. Und es meldet.


Vor allem meldet es in eine Richtung. Der Vagusnerv verbindet Bauchraum und Gehirn, und rund achtzig Prozent seiner Fasern laufen von unten nach oben, vom Körper zum Kopf. Nur etwa zwanzig Prozent tragen Anweisungen in die Gegenrichtung. Dein Körper redet also deutlich mehr, als er zuhört. Wie diese Bahn funktioniert und wie du sie stärken kannst, habe ich im Artikel über den Vagusnerv ausführlich beschrieben.


Diese Meldungen erreichen dein Bewusstsein fast nie als Information. Du bekommst keine Rohdaten über Darmbewegung oder Muskelspannung. Du bekommst ein Gefühl: Enge, Schwere, ein Flattern, ein Ziehen. Deshalb fühlt es sich nicht an wie Wissen. Es fühlt sich an wie Stimmung.


Dass Stress dabei mitspielt, ist gut dokumentiert. Anhaltende Belastung verändert nachweislich Darmbewegung und Schmerzempfindlichkeit im Bauchraum.




DER VORBEHALT

Warum dein Bauchgefühl nicht immer recht hat


Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio nennt solche Signale somatische Marker: Frühere Erfahrungen hinterlassen körperliche Spuren, die sich melden, bevor du bewusst abgewogen hast. Die Hypothese ist einflussreich, aber nicht unumstritten. Spätere Untersuchungen zeigten, dass Versuchspersonen deutlich mehr bewusstes Wissen hatten als angenommen. Der Körper entscheidet also weniger allein, als die populäre Erzählung nahelegt.


Aufschlussreicher ist eine Studie von Dunn und Kolleginnen (2010). Wer den eigenen Herzschlag genauer wahrnahm, bei dem hingen Körperreaktion und erlebte Erregung enger zusammen. So weit erwartbar. Der zweite Teil überrascht: Eine bessere Körperwahrnehmung führte nicht automatisch zu besseren Entscheidungen. Sie half oder schadete, je nachdem, ob das Signal in die günstige oder ungünstige Richtung wies.


Auch wenn dein Bauchgefühl dir Anweisungen gibt, sei bewusst, dass es sich aus Erfahrungen speist. Erfahrungen können auch alte Angst und Vermeidung beinhalten. Wer feiner spürt, kann auch die alten Muster feiner spüren, ebenso, wie die klugen Impulse. Ich bin eine Person, die oft dem Bauchgefühl folgt und trotzdem möchte ich dir mit auf den Weg geben: vertraue deinem Bauch nicht blind, sondern lerne ihn erst einmal richtig zu spüren un dann zu unterscheiden.


ALTES WISSEN

Was Traditionen über den Bauch wussten


Lange bevor jemand Nervenfasern zählen konnte, haben verschiedene Traditionen dem Bauchraum eine eigene Instanz zugesprochen. Und zwar auffallend übereinstimmend keine Gefühlsecke, sondern ein Fundament. Das beweist nichts. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen.


Im hawaiianischen Huna heisst dieser Teil Unihipili: das unbewusste, emotionale Selbst, symbolisch im Bauchraum verortet und verstanden als Hüter von Körper, Erinnerung und Lebensenergie. Interessant ist, welche Rolle ihm dort zugeschrieben wird. Das bewusste Kopf-Selbst, ʻUhane, kann sich in dieser Vorstellung nicht direkt mit dem höheren Selbst verbinden. Jede Absicht, jedes Gebet geht zuerst hinab zum Unihipili und nur wenn dieses Vertrauen fasst, gibt es die Energie frei, um die Absicht weiterzutragen. Der Bauch ist also nicht das Ziel, sondern das Nadelöhr.


Und er verhält sich, so die Lehre, wie ein sehr sensibles Kind. Er braucht Aufmerksamkeit und Sicherheit. Wird er dauerhaft übergangen, kritisiert oder ignoriert, reagiert er mit Trotz, Angst oder körperlich. Iris, die Elder, die mir davon erzählt hat, sagte es trocken: Beim ersten Mal vielleicht das Essen. Beim zweiten Mal nicht mehr.


Im Zen ist Hara das Zentrum im Unterbauch, ein paar Fingerbreit unter dem Nabel. Karlfried Graf Dürckheim, der es nach Europa brachte, beschrieb es als die Mitte, aus der ein Mensch handelt, wenn er nicht aus Anspannung handelt. In den japanischen Übungswegen wie Bogenschiessen, Kalligrafie und Kampfkunst, wird nicht Technik zuerst trainiert, sondern diese Verlagerung nach unten. Wer aus dem Kopf agiert, verkrampft. Wer aus dem Hara agiert, ist gesammelt. Auch hier ist der Bauch kein Ort des Fühlens, sondern der Ort, aus dem heraus etwas geschieht.


Im Yoga liegt dort Manipura, wörtlich «Stadt der Juwelen», verbunden mit Agni, dem inneren Feuer. Dieselbe Kraft, die Nahrung verdaut, verdaut in dieser Vorstellung auch Erlebtes. Ist sie schwach, bleibt beides liegen. Das Essen und die Erfahrung. Manipura steht deshalb für Wille und Handlungsfähigkeit: für das Vermögen, etwas tatsächlich zu tun statt nur zu wissen.


Drei Traditionen, drei Sprachen, dieselbe Beobachtung: Der Bauch ist kein blosses Verdauungsorgan, und er ist auch nicht bloss das Gefühl. Er ist die Stelle, an der etwas durchgelassen wird. Oder eben nicht.




DIE DREI ZENTREN

Wie du dein Bauchgefühl einordnest, anstelle ihm ausgeliefert zu sein


In meiner Arbeit gehe ich Signale wie dieses über drei Zentren an. Nicht, weil es hübsch klingt, sondern weil ein Bauchgefühl auf jeder Ebene etwas anderes braucht.


Kopf · Verstehen


Zu wissen, dass achtzig Prozent der Vagusfasern nach oben melden, nimmt dem Gefühl das Unheimliche. Es ist keine Einbildung und kein Aberglaube, sondern ein Kanal, der ohnehin läuft. Verstehen schafft Sicherheit.


Herz · Fühlen


Ein Signal wahrzunehmen heisst, es erst einmal stehen zu lassen ohne es sofort zu erklären, zu bewerten oder wegzuargumentieren. Genau das ist der Schritt, den die meisten überspringen. Fühlen schafft Frieden.


Bauch · Verkörpern


Und dann die eigentliche Arbeit: unterscheiden, ob die Enge Warnung ist oder Gewohnheit. Das geht nicht im Kopf. Das geht nur, indem du im Körper bleibst und beobachtest, was passiert. Spüren schafft Klarheit.





FÜR DICH ZUM AUSPROBIEREN

Zwei Wege auf dem Boden


Die meisten Entscheidungen wälzen wir im Sitzen. Der Körper bleibt dabei still und damit auch das, was er zu sagen hätte. Diese Übung verlegt die Frage in den Raum. Du brauchst zehn Minuten, etwas Platz und zwei Blätter Papier.


  1. Aufbauen. Schreib auf jedes Blatt eine der beiden Möglichkeiten. Nicht ausformuliert, drei, vier Wörter reichen. Leg die Blätter mit ein paar Schritten Abstand auf den Boden, sodass zwischen dir und ihnen jeweils ein kleiner Weg entsteht. Such dir einen Ausgangspunkt in der Mitte.


  2. Neutral ankommen. Stell dich auf den Ausgangspunkt, barfuss wenn möglich. Spür den Boden unter beiden Füssen. Atme ein paar Mal mit längerem Ausatem, bis dein Körper etwas ruhiger wird. Wenn dir das schwerfällt, nimm vorweg eine der Atemübungen gegen Stress, zum Beispiel die verlängerte Ausatmung. Noch nicht denken, nur stehen.


  3. Den ersten Weg gehen. Geh langsam auf das erste Blatt zu. Achte schon unterwegs darauf, wie das Gehen sich anfühlt: werden die Schritte leichter oder zäher? Stell dich auf das Blatt, schau in die Richtung, in die dieser Weg führen würde. Bleib eine Weile stehen. Was passiert in Bauch, Brust, Kiefer? Wie steht dein Becken? Wo geht der Atem hin? Bewerte nichts, beschreib es dir nur.


  4. Zurück in die Mitte, dann der zweite Weg. Geh zurück, schüttel Arme und Beine aus, warte, bis du wieder neutral bist. Das ist wichtig, sonst nimmst du den ersten Weg mit in den zweiten. Dann dasselbe mit dem anderen Blatt: hingehen, hinstellen, hinspüren.


  5. Unterscheiden. Zurück in die Mitte. Und jetzt die entscheidende Frage: Welcher Weg war leichter zu gehen und war das Leichtigkeit oder Vermeidung? Fühlt sich die Enge auf dem einen Blatt nach Rückzug an oder nach Aufregung? Beides fühlt sich ähnlich an und meint das Gegenteil. Wenn du es nicht auseinanderhalten kannst, entscheide heute noch nicht. Diese Übung liefert dir Daten, keine Antwort.





SPÜRBARE EFFEKTE

Was sich verändert, wenn du hinhörst


Du wirst nicht plötzlich immer richtig liegen. Was sich verändert, ist etwas anderes.


Du bemerkst Signale früher: nicht erst, wenn der Körper laut werden muss. Du gewinnst Zeit zwischen Impuls und Handlung, statt dich hinterher zu fragen, warum du wieder Ja gesagt hast. Und du beginnst, deine eigenen Muster zu erkennen: Welche Enge kommt immer wieder, und wovor warnt sie tatsächlich?




Ich habe die Reise nach Ägypten abgesagt. Das Apartment war gebucht, meine beste Freundin informiert, und ich hatte mich riesig gefreut. Es war keine leichte Entscheidung, aber ich weiss, dass sie richtig war.


Ich war stolz auf mich denn ich habe aufgehört Dinge tun, weil sie so getan werden. Weil es normal ist. Weil man es so macht. Einmal mehr habe ich zugehört und das allein war der Punkt.






Quellen & weiterführende Informationen


  • Bonaz B., Sinniger V., Pellissier S. (2021). Therapeutic Potential of Vagus Nerve Stimulation for Inflammatory Bowel Diseases. Frontiers in Neuroscience.

  • Gershon M. D. (1998). The Second Brain. Harper.

  • Wu Tsai Neurosciences Institute, Stanford University — J. Kaltschmidt zum enterischen Nervensystem.

  • Damasio A. R. (1994). Descartes' Error.

  • Maia T. V., McClelland J. L. (2004). PNAS 101, 16075–16080.

  • Dunn B. D. et al. (2010). Listening to Your Heart. Psychological Science 21(12), 1835–1844.

  • Labanski A. et al. (2020). Stress and the brain-gut axis. Psychoneuroendocrinology.


Traditionen: Dürckheim K. G. (Hara) · Satyananda Saraswati (Manipura) · Long M. F. / King S. K. (Huna)

 
 
 

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